Viele Länder setzen auf Corona-Apps, um Kontaktpersonen von Infizierten zu identifizieren, die Betroffenen zu isolieren und so die Infektionsketten zu unterbrechen.

Viele Länder setzen auf Corona-Apps, um Kontaktpersonen von Infizierten zu identifizieren, die Betroffenen zu isolieren und so die Infektionsketten zu unterbrechen.

© U. J. Alexander – stock.adobe.com

Auch Deutschland hat nun eine App veröffentlicht, die mit Hilfe von Bluetooth-Technologie Menschen warnt, wenn sie sich in der Nähe von Infizierten aufgehalten haben. Eine der ersten wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema erschien bereits 2014. Der Computerwissenschaftler Manuel Cebrian zeigte darin zusammen mit Kate Farrahi und Remi Emonet, dass Smartphone-Daten während einer Epidemie helfen können, Kontakte zurückzuverfolgen.

Auf der ganzen Welt wird nun große Hoffnung in Corona-Tracing-Apps gesetzt. Wie denken Sie darüber?

Manuel Cebrian: Wir wissen, dass die Kontaktverfolgung – zusammen mit der medizinischen Versorgung und Isolierung kranker Patienten – entscheidend für die Eindämmung einer Epidemie ist. Aber es gibt immer mehr wissenschaftliche Belege dafür, dass die Kontaktverfolgung allein durch Menschen möglicherweise nicht schnell genug oder nicht genau genug ist, wenn die Epidemie erstmal ausgebrochen ist. Insbesondere bei einer schwer fassbaren, tödlichen Krankheit wie Covid-19, bei der Menschen ohne Symptome eine beträchtliche Anzahl anderer Leute anstecken können. Damit die Ermittlung von Kontaktpersonen schneller und genauer wird, brauchen wir meiner Meinung nach eine zusätzliche, technisch unterstützte Lösung.

Wie kann die Computerwissenschaft dazu beitragen?

In einer Studie haben wir die Ausbreitung einer Grippewelle innerhalb einer Gruppe prognostiziert, indem wir ein maschinelles Lernverfahren nutzten, das Bluetooth-Daten von Mobiltelefonen auswertete. So kamen wir zu der Überzeugung, dass Bluetooth-Daten bei Studien zu Epidemien tatsächlich hilfreich sein könnten. Als ich von einem Kollegen, der Biophysiker ist, hörte, wie wichtig die Kontaktverfolgung bei Infektionskrankheiten ist, wollte ich herausfinden, ob wir unsere Erfahrungen in der Netzwerkwissenschaft und bei der digitalen Erfassung von sozialen Daten nutzen könnten, um die Kontaktverfolgung zu beschleunigen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Um 2011 herum hatten wir die Möglichkeit, eine riesige Menge echter Smartphone-Daten zu nutzen. 72 Studierende einer US-amerikanischen Universität hatten eingewilligt, dass ihre Smartphone-Nutzung über neun Monate aufgezeichnet und in zahlreichen Studien verwendet wurde. Für unsere Studie konzentrierten wir uns auf anonymisierte Bluetooth-Interaktionen und Telefongespräche zwischen den Studierenden, wobei wir die Bluetooth-Daten als Näherungswert für persönliche Begegnungen verwendeten, die letztlich eine Epidemie beschleunigen würden.

Zuerst ließen wir ein Standard-Epidemiemodell über das Netzwerk von Kontakten laufen, das dem Bluetooth-Netzwerk der Studierenden entsprach. Wir sahen, dass sich die simulierte Epidemie in der Gruppe ausbreitete, und beobachteten die typische Epidemiekurve. Dann fügten wir dieser Simulation die Möglichkeit der Kontaktverfolgung hinzu: Wenn ein Infizierter aufgespürt wird, kann er niemanden mehr anstecken. Zu Covid-19-Zeiten hieße das: Sie stehen unter Quarantäne. Was wir dann sahen war, dass selbst bei einem moderaten Maß an Kontaktverfolgung der Höhepunkt der Epidemie nach unten gedrückt würde. Der erste Test war also keine Überraschung: Wenn Sie eine perfekte digitale Abbildung von persönlichen Interaktionen haben, wirkt die Kontaktverfolgung.

Glauben Sie, dass die Corona Apps, die derzeit weltweit entwickelt werden oder bereits im Einsatz sind, dazu beitragen könnten, die Corona-Pandemie einzudämmen?

Da wir nicht zu einem exponentiellen Wachstum der Fallzahlen zurückkehren können und auch nicht zu einem vollständigen Lockdown, glaube ich, dass die digitale Kontaktverfolgung die einzige realistische Option sein dürfte. Ich kann nicht sagen, wie man das rechtlich und ethisch korrekt machen kann, denn das ist nicht mein Fachgebiet. Aber ich bin mir der Grenzen der Kontaktverfolgung durch Menschen bewusst, und da diese Grenzen für mich und andere Fachleute immer klarer werden, glaube ich, dass wir noch etwas Zusätzliches brauchen. Schaut man sich die Daten unserer Studie und anderer größerer Studien an, könnte die digitale Ermittlung von Kontaktpersonen unsere beste Möglichkeit sein, die Pandemie einzudämmen.

Max-Planck-Institut

Das vollständige Interview finden Sie hier