Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) kommt zu dem Schluss, dass über die Hälfte aller 360 Schildkrötenarten von der Ausrottung bedroht sind, und sieht ein Handelsverbot für Wildfänge als ein effektives Gegenmittel.

Aktuell brechen die Bestände der Madagaskar-Strahlenschildkröte durch den übermässigen Fang für den Tierhandel zusammen.

© (idw) Craig Stanford

Jedes Jahr werden weltweit Hunderttausende von Schildkröten für den Wildtierhandel gesammelt, vor allem um sie als Heimtiere zu halten oder – insbesondere in Ostasien – zu essen. Im Mai beschlagnahmten mexikanische Behörden beispielsweise 15.000 Schildkröten, die nach China geschmuggelt werden sollten. In Madagaskar wurden 2018 innerhalb weniger Monate etwa 18.000 Tiere konfisziert.

„Viele Schildkrötenarten leben sehr lange und legen nur wenige Eier. Das bedeutet, dass gerade solche Arten durch das Abfangen von geschlechtsreifen Weibchen in kürzester Zeit ausgerottet werden können“, erklärt Professor Dr. Uwe Fritz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Wenn der Handel nicht verboten oder massiv eingeschränkt wird, werden wir in den nächsten Jahren zahlreiche Schildkrötenarten unwiederbringlich verlieren. Deren Fangzahlen und die Lebensraumvernichtung sind seit Jahrzehnten so groß, dass etwas mehr als die Hälfte aller 360 Arten akut bedroht ist.“

Schildkröten sind eine der am stärksten bedrohten Tiergruppen

Fritz hat gemeinsam mit 50 internationalen Schildkröten-Fachleuten die umfassendste globale Studie zum Gefährdungsstatus aller Schildkrötenarten verfasst. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Schildkröten weltweit eine der am stärksten bedrohten Tiergruppen überhaupt sind und deren Handel eingestellt werden muss.

„Der Handel mit Wildtieren ist nicht nur für die entsprechenden Arten fatal, er birgt auch Gesundheitsrisiken für uns Menschen. Das neuartige SARS-Coronavirus stammt wahrscheinlich von Hufeisennasen-Fledermäusen, bevor es auf einem Wildtiermarkt auf den Menschen übertragen wurde,“ so der Leiter der Studie Craig Stanford von der University of Southern California.

Gegenmaßnahmen

Die Untersuchung fordert daher nachdrücklich, dass bestehende Schutzgesetze und das CITES-Übereinkommen – das den internationalen Handel mit gefährdeten und bedrohten Arten regelt – wirksam umgesetzt werden müssen, um der drohenden Vernichtung der Schildkrötenarten entgegenzuwirken.

Die Studie identifiziert zudem weltweit 16 „Schildkröten-Hotspots“, an denen besonders viele Schildkrötenarten leben. Der gezielte Schutz dieser geographischen Hotspots wäre eine besonders effektive Maßnahme viele Arten gleichzeitig zu schützen. „In diesen Gebieten könnten Beobachtungsstationen für Schildkröten aufgebaut werden, die für den Ökotourismus genutzt werden und so der lokalen Bevölkerung eine Einnahmequelle bieten“, ergänzt Koautor Russ Mittermeier von der Naturschutzorganisation „Global Wildlife Conservation“.

Auch könnten bestimmten Schildkrötenarten Zuchtprogramme helfen – solange ein natürlicher, intakter Lebensraum vorhanden ist, um die Tiere nach erfolgreicher Vermehrung in die Freiheit zu entlassen.

„Die Española-Riesenschildkröte von Galapagos und die australische Falsche Spitzkopfschildkröte konnten so in ‚letzter Minute’ vor dem Aussterben gerettet werden – wir müssen auf jeden Fall schnell handeln, bevor es zu spät ist“, warnt Fritz.

(idw) Judith Jördens, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Originalpublikation: Stanford et al., Turtles and Tortoises Are in Trouble, Current Biology (2020), https://doi.org/10.1016/j.cub.2020.04.088