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Medizin steht vor einem Paradigmenwechsel.

Bislang galten autoreaktive Antikörper als schädlich und Treiber von Autoimmunerkrankungen, wie beispielsweise Rheuma und Diabetes Typ 1.

Nach neueren Erkenntnissen sind autoreaktive Antikörper keineswegs nur schädlich. Vielmehr wirken sie daran mit, dass sogenannte Antikörper vom Typ Immunglobulin-M (igM) gebildet werden, die körperliche Schäden abwenden. Die Ulmer Wissenschaftler nennen diesen Mechanismus „adaptive Toleranz“. Ein Zusammenspiel verschiedener Autoantigen-Komplexe.

© – Corona Borealis

Die Forscher bewiesen diesen Mechanismus durch Immunisierungsexperimente am Mausmodell. Nach Verabreichung von Insulin sind sie auf autoreaktive Antikörper gestoßen, die bislang als schädlich gelten und nach bisheriger wissenschaftlicher Auffassung schon längst hätten eliminiert sein sollen. Nach erneuter Insulin-Gabe schnellte der Insulin-spezifische Antikörpertiter bei den Mäusen hoch. Dabei beobachteten sie, dass die igM-Antikörper die zuvor nachgewiesene Autoimmunreaktionen ausbremsen konnten. Dadurch wurden körperliche Schädigungen abgewendet [1].

Schon früher wies das Exzellenzcluster Entzündungsforschung darauf hin, Autoantikörper keine „Feinde“, wie allgemein angenommen wird, sondern ein ganz normaler Bestandteil des Immunsystems sind. Die Forscher kamen zu der Erkenntnis, dass ein fein aufeinander abgestimmtes Netzwerk von Autoantikörpern, das viele Prozesse im Organismus reguliert, bei einer Erkrankung gestört ist. Krankheiten entstehen dann, „wenn das Netzwerk von regulatorischen Autoantikörpern aus der Balance gerät“ [2].

Beide Erkenntnisse dürften nicht nur zu einem völlig veränderten Verständnis in der Medizin führen. Sie unterstreichen auch, wie sehr es auf das viel beschworene Gleichgewicht in den Regulationsmechanismen ankommt.

Quellen:

  1. Amendt T, Jumaa H. Memory IgM protects endogenous insulin from autoimmune destruction. EMBO J 2021; 40(17): e107621. Doi: 10.15252/embj.2020107621
    Pressemeldung: Paradigmenwechsel in der Immunologie: „Adaptive Toleranz“ balanciert Autoimmunreaktion aus, Universität Ulm, Informationsdienst Wissenschaft (idw), https://idw-online.de/de/news774269
  2. Cabral-Marques O et al. GPCR-specific autoantibody signatures are associated with physiological and pathological immune homeostasis. Nat Commun 2018; 9(1): 5224. Doi: 10.1038/s41467-018-07598-9
    Pressemeldung: Krankheiten entstehen, wenn das Netzwerk von regulatorischen Autoantikörpern aus der Balance gerät, Exzellenzcluster Entzündungsforschung, Informationsdienst Wissenschaft (idw), https://idw-online.de/de/news707995

Der Autor: Michael Petersen, Redaktion Medizin & Wissenschaft, Redaktionswebseite: mediportal-online.eu