Die Firma Nowomed wurde Ende 2021 gegründet und betreut seit Januar diesen Jahres Patienten, bei denen der medizinische Einsatz von Cannabinoiden sinnvoll ist. Neben der Therapie hat sich das kleine Start-Up mit 15 Mitarbeitern (Stand Anfang März) das Thema „Digitalisierung“ in der medizinischen Praxis auf die Fahnen geschrieben.

Florian Wesemann im Gespräch mit einem Patienten
Florian Wesemann im Gespräch

In einem Gespräch mit Co-Founder Florian Wesemann kam immer wieder der Vorteil der Telemedizin zur Sprache. Durch regelmäßige digitale Termine ist eine engmaschige Therapiekontrolle auch bei ortsfernen Patienten problemlos möglich.

Digitaler Anschluss statt Bürokratie

Der digitale Ansatz geht über reine Telemedizin heraus. Eine digitale Patientenaktie und Abrechnung werden durch telefonischen Support ergänzt. Zusätzlich soll im nächsten Monat eine eigene App erscheinen, mit der Patienten Therapietagebuch führen oder einen neuen Telemedizin-Termin ausmachen können. Die Daten können jederzeit vom behandelnden Arzt eingesehen werden. So sind alle auf Gespräche optimal vorbereitet.

Auch der Erstkontakt soll mit der App deutlich erleichtert werden. Nach einer Anmeldung werden beim interessierten Patienten die wichtigsten Eckdaten abgefragt. Alles, was an Papieren für das erste, Beratungsgespräch nötig ist, kann mit der App bereits im Voraus hochgeladen und abgehakt werden. So wird nichts vergessen. Denn für das Erstgespräch ist ein direkter Kontakt wichtig, daher muss jeder Patient in eine der bisher drei Niederlassungen kommen (München, Berlin, Köln). Die wichtigen Themen beim Erstgespräch sind die Diagnose, die den Patienten zur Cannabis-Therapie führt, der bisherige Therapieverlauf, Abklärung von Kontraindikationen (Kinderwunsch/Schwangerschaft/Stillzeit, Alter unter 20, Psychosen in der Familie) und die ausführliche Aufklärung über den Therapieverlauf.

Go Slow, Keep Low

„Wir bieten den Patienten eine symptombezogene, kontrollierte, medikamentöse Therapie.“ So fasst Herr Wesemann es zusammen. Denn es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Cannabistherapie keine Ursachenbehandlung darstellt und ganz individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden muss. Dabei wird mit einer minimalen Dosierung begonnen und nach 30 Tagen wird in einer Telesprechstunde ausgewertet, ob und welche Nebenwirkungen eingetreten sind, ob die erwünschte Wirkung vorlag, aber auch ob sich an der Grundsituation etwas verändert hat. Damit können Veränderungen im Zustand des Patienten, neue Therapiemöglichkeiten für die zugrundeliegende[  Diagnose oder neue Cannabis-Präparate gemeint sein. Mit all diesen Faktoren im Kopf wird dann entschieden, ob und wie viel Cannabis für das nächste 30-Tage-Intervall verschrieben wird.

Lebensqualität statt Leid

Das Ziel ist dabei immer ein gutes Gleichgewicht zwischen Nutzen für den Patienten und Nebenwirkungen (inklusive „High“). Dieses Ziel kann nicht bei allen Patienten erreicht werden, wenn bei einzelnen Patienten sehr starke Nebenwirkungen auftreten. Bei den meisten wird aber eine verbesserte Lebensqualität erreicht.

Chronische Schmerzen sind die wohl bekannteste und auf jeden Fall bisher am besten erforschte Indikation für eine Cannabis-Therapie. Selten wird eine komplette Schmerzfreiheit erreicht, aber zwischen der Schmerzreduzierung und der positiven Stimmungswirkung von Cannabis ist für die Patienten wieder ein aktiverer Lebensstil möglich.

Einen ganz anderen Therapie-Gewinn haben ADHS-Patienten. Hier ist die allgemeine Rückmeldung, dass ein konzentriertes und damit erfolgreiches Arbeiten bzw. Lernen im Studium wieder möglich ist.

Therapie nicht Sucht

Doch trotz dieser deutlichen Erfolge sieht sich die Therapie mit Cannabinoiden nach wie vor öffentlicher Skepsis und Kritik gegenüber. Immer wieder warnen Suchtexperten vor den Gefahren der Legalisierung von Cannabis.

Doch welche Unterschiede ergeben sich hinsichtlich Sucht, wenn man privaten Gebrauch mit einer medizinischen Therapie vergleicht?

Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Qualität der verwendeten Substanz. Ein Medizinprodukt enthält klar definierte Mengen Cannabinoide und bei den durch Nowomed verwendeten Blüten wird kein synthetisches THC zugesetzt. Dieses hatte in Studien ein deutlich höheres Suchtpotenzial gezeigt. Dagegen kann sich ein privater Nutzer nie sicher sein, was seinem erworbenen Cannabis evtl. alles zugesetzt wird. Durch die Reinheit des medizinischen Cannabis wird nicht nur die Suchtgefahr, sondern auch Nebenwirkungen und die (in der Therapie unerwünschte) Rauschwirkung minimal gehalten.

Ein weiterer Aspekt, der die Gefahr eines Abrutschens in die Sucht minimiert, liegt in den regelmäßigen Gesprächen und den immer wieder passgenauen Verschreibungen. In den Gesprächen wird der Patient ständig angehalten, seinen Verbrauch zu hinterfragen und in einem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu halten. Dadurch bleibt der therapeutische Aspekt im Vordergrund.

Als zusätzlichen Punkt der Suchtprävention nannte Herr Wesemann die Einnahme des Cannabis mittels Verdampfen. Im Vergleich zum Rauchen wird dabei wieder das Suchtpotenzial verringert.

Das Ziel: Entstigmatisierung

Noch immer haben viele Ärzte Bedenken, sich öffentlich für die Cannabis-Therapie auszusprechen. Zu groß ist das Stigma des „Dr. Gras“. Doch Nowomed zeigt, dass seriöse Therapie mit Cannabinoiden keine Zukunftsmusik mehr ist. Doch Entstigmatisierung benötigt Zeit und gute Informationen und Kommunikation.

Mehr Informationen zu Nowomed

Mehr Informationen zu Cannabinoiden in der Medizin finden Sie in der aktuellen Ausgabe von „Der Heilpraktiker“ (03/22).