Experten bestätigen den Stellenwert der pathogenetischen Therapie mit Biofaktoren

Die Blutzuckereinstellung optimieren und neuropathische Schmerzen symptomatisch behandeln – eine Therapie der diabetischen Neuropathie nach diesem Schema greift nach Meinung internationaler Wissenschaftler und Ärzte zu kurz. In aktuellen Veröffentlichungen betonen Neuropathie-Experten den Stellenwert einer zusätzlichen pathogenetischen Therapie mit den Biofaktoren Benfotiamin und Alpha-Liponsäure (1,2). Diese gut verträglichen Substanzen können der Nervenschädigung entgegenwirken und Symptome der Neuropathie lindern.

Eine typische Langzeitfolge von Diabetes ist die periphere Neuropathie.
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Eine optimierte Diabetesbehandlung gilt unbestritten als Basis-Maßnahme, um den schädlichen Auswirkungen der Hyperglykämie entgegenzuwirken. „In Studien bei Typ-1-Diabetes erwies sich das als effektiv zur Prävention und Hemmung der Progression einer Neuropathie, bei Typ-2-Diabetes fehlt hier jedoch bisher die Evidenz“, schreiben 15 internationale Neuropathie-Experten um Prof. Dan Ziegler, Düsseldorf, in einer aktuellen Publikation in „Diabetes Research and Clinical Practice“ (1). Auch die Wirksamkeit der symptomatischen Therapie neuropathischer Schmerzen, z. B. mit Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Opioiden, sei begrenzt: Nur 50% der Patienten mit schmerzhafter Neuropathie sprechen auf eine analgetische Monotherapie an, so die Autoren. Limitierende Faktoren bei einer analgetischen Pharmakotherapie sind außerdem die Nebenwirkungen. Daher ist eine zusätzliche pathogenetisch wirksame Therapie von hoher Relevanz, wie die Wissenschaftler betonen (1). Diese zielt auf die Mechanismen ab, die der diabetischen Neuropathie auf zellulärer Ebene zugrunde liegen, und kann auf diese Weise auch neuropathische Symptome lindern. In Deutschland stehen dafür die Biofaktoren Benfotiamin und Alpha-Liponsäure (ALA) zur Verfügung.

Wie kommt es zur Nervenschädigung?

Wie neuere Forschungsergebnisse bestätigen, unterliegt die Nervenschädigung bei Diabetes-Patienten einer multifaktoriellen Pathogenese. Auf zellulärer Ebene führt die Hyperglykämie zu einer Dysfunktion der Mitochondrien sowie zu einer exzessiven Produktion von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) und Carbonylverbindungen. Dadurch werden schädliche Glukoseabbauwege forciert, die etwa zur Bildung von aggressiven Advanced-Gycation-Endproducts (AGEs) und zu chronischen Entzündungsreaktionen führen. Diese Mechanismen werden wesentlich für die Entwicklung von Nerven- und Gefäßschäden bei Diabetes verantwortlich gemacht (1). Pathogenetisch wirksame Substanzen wie Benfotiamin und ALA setzen genau hier an.

Benfotiamin erzielt therapeutische Vitamin-B1-Konzentrationen

Die fettlösliche Vitamin-B1-Vorstufe Benfotiamin weist eine wesentlich bessere Bioverfügbarkeit auf als herkömmliches, wasserlösliches Thiamin (3). Dadurch werden nach oraler Gabe therapeutische Wirkspiegel erzielt, und das Vitamin gelangt in signifikant höheren Konzentrationen in den Blutkreislauf und zum Nervengewebe. Mangelzustände können dadurch wirksam ausgeglichen werden, die in verschiedenen Studien bei Menschen mit Diabetes aufgrund einer erhöhten renalen Ausscheidung nachgewiesen wurden (4,5).

Nervenschäden ausbremsen

Da Vitamin B1 für die Funktion der Nerven und für den Kohlenhydrat-Stoffwechsel unverzichtbar ist, kann ein Mangel massive metabolische Störungen nach sich ziehen und Neuropathien verursachen. Unter anderem ist ein Schlüssel-Enzym des Glukose-Stoffwechsels, die Transketolase, von Vitamin B1 als Cofaktor abhängig. Das Enzym stellt die Weichen, ob Glukose auf harmlosen oder schädlichen Wegen abgebaut wird. In experimentellen Studien zeigte sich, dass Benfotiamin die Transketolase aktivieren kann. Dadurch wird Glukose vermehrt den harmlosen Abbauwegen zugeführt und die Bildung schädlicher Substanzen, wie der Advanced Glycation Endproducts (AGEs), reduziert (6). Dass Diabetes-Patienten mit Neuropathien davon profitieren, zeigen randomisierte placebokontrollierte Studien, in denen durch eine Behandlung mit Benfotiamin* neuropathische Symptome wie Kribbeln, Brennen und Taubheit in den Füßen gelindert werden konnten (7,8).

ALA greift ebenfalls in die Pathomechanismen der diabetischen Neuropathie auf zellulärer Ebene ein, indem das potente Antioxidans reaktive Sauerstoffspezies abfängt. In klinischen Studien zeigte sich, dass durch eine Therapie mit ALA neuropathische Symptome und Defizite gebessert werden können (9). Auch in einem aktuellen Kompendium der American Diabetes Association (ADA) weisen die Autoren aus den USA, England und Deutschland auf den Stellenwert der pathogenetischen Therapie mit Benfotiamin und ALA bei diabetischer Neuropathie hin: In Anbetracht der Schwere der Erkrankung auf der einen Seite und der limitierten Wirksamkeit der kausalen und symptomatischen Therapie auf der anderen Seite bestehe ein Bedarf an dieser ergänzenden Behandlungsoption (2).

Literaturangaben:
(1) Ziegler D, Tesfaye S, Spallone V, Gurieva I, Al Kaabi J, Mankovsky B, Martinka E, Radulian G, Thy Nguyen K, Stirban AO, Tankova T, Varkonyi T, Freeman R, Kempler P, Boulton AJM. Screening, diagnosis and management of diabetic sensorimotor polyneuropathy in clinical practice: International expert consensus recommendations. Diabetes Res Clin Pract Diabetes Res Clin Pract 2022; 186: 109063. Online-Link.
(2) Pop-Busui et al. 2022 American Diabetes Association; Diagnosis and Treatment of Painful Diabetic Peripheral Neuropathy; ADA Clinical Compendia Series 2022; available online at https://professional.diabetes.org/monographs#PDN
(3) Schreeb K.H. et al. Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Pharmacol 1997; 52: 319-320
(4) Anwar A, Ahmed Azmi M, Siddiqui J, et al. (May 08, 2020) Thiamine Level in Type I and Type II Diabetes mellitus Patients: A Comparative Study Focusing on Hematological and Biochemical Evaluations. Cureus 12(5): e8027. DOI 10.7759/cureus.8027
(5) Thornalley PJ et al. High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007; 50: 2164-2170
(6) Hammes HP, Du X, Edelstein D, Taguchi T, Matsumura T, Ju Q, Lin J, Bierhaus A, Nawroth P, Hannak D, Neumaier M, Bergfeld R, Giardino I, Brownlee M. Benfotiamine blocks three major pathways of hyperglycemic damage and prevents experimental diabetic retinopathy. Nat Med. 2003;9(3):294-9.
(7) Stracke H, Gaus W, Achenbach U, Federlin K, Bretzel RG. Benfotiamine in diabetic polyneuropathy (BENDIP): results of a randomised, double blind, placebo-controlled clinical study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2008;116(10):600-5.
(8) Haupt E, Ledermann H, Köpcke Wl. Bemfotiamine in the treatment of diabetic polyneuropathy – a tree-week randomized controlled pilot study (BEDIP-Study). Int J Clin Pharmacol Ther 2005; 43: 71-77
(9) Cassanego G, Rodrigues P, De Freitas Bauermann L, Trevisan G. Evaluation of the analgesic effect of ɑ-lipoic acid in treating pain disorders: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Pharmacol Res. 2022 Mar;177:106075.

Quelle: Online-Expertengespräch „Aktuelles zur diabetischen Neuropathie“anlässlich des Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (25. bis 28. Mai 2022)