Im April 2022 sorgt die T2T-Forschungsgruppe, in der weltweit führende Universitäten zur Erforschung des menschlichen Genoms zusammenarbeiten, zuletzt für internationale Aufmerksamkeit: Neue Analyseverfahren haben der Forschung circa neun Prozent bisher nicht auslesbaren Genmaterials den Zellstoffwechsel betreffend zugänglich gemacht. Diese aktuell neu identifizierten Gene stehen zum allergrößten Teil mit dem Proteinhaushalt der Zellen in Verbindung, und es wird vermutet, dass sie Aufschluss über chronische Krankheiten wie auch die Krebserkrankung liefern können.

Epigenetik
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Doch ob das für die Erforschung von Krebserkrankung und Therapie wirklich einen Meilenstein bedeutet, ist nicht sicher. „Obwohl das Gebäude der Onkologie mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu Beginn des 21. Jahrhunderts hätte zusammenbrechen müssen, hat sich das gängige Konzept der Krebserkrankung nicht grundlegend verändert. Und was noch erstaunlicher ist: Auch Therapieangebote werden mit einem schlichten ‚Weiter so!‘ beibehalten. Das ist im Rückblick mehr als verwunderlich“, macht Prof. Dr. med. Jörg Spitz, Präsident der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr e.V. (GfBK), 20 Jahre später deutlich.

Was bisher geschah

Bereits am Anfang des neuen Jahrtausends war mit einem Paukenschlag das menschliche Genom entschlüsselt worden. Eine der grundlegenden Erkenntnisse für das Verständnis der Krebserkrankung sowie weiterer chronischer Krankheiten folgen aus der damals festgestellten begrenzten Zahl menschlicher Gene: Das Zusammenspiel zwischen Genen und Zellen in den tagtäglichen Prozessen ist weitaus plastischer als vorher angenommen, die Zellen haben wesentlich komplexere und bestimmendere Aufgaben, während sich der Einfluss des ab Zeugung nahezu unveränderlichen Erbgutes vermindert darstellt. Die Expression vorhandener Gene ist kein Automatismus, lautet die für genetisch belastete Individuen frohe Botschaft.
Sozusagen „über den Genen“ steht die Zelle – so die Herleitung der Benennung des neuen Forschungsfeldes „Epigenetik“: ihr kommt eine wesentliche Bedeutung beim Auslesen der Erbinformation zu. Die Zelle und ihr Stoffwechsel konnten in den folgenden beiden Jahrzehnten weiter erforscht werden.

Hoffnung für die Krebsmedizin?

Was bisher vorwiegend als Erfahrungsheilkunde zusammengefasst wurde – die Bedeutung der Ernährung, die Wassertherapie von den Römern bis zu Pfarrer Kneipp im 19. Jahrhundert, Schlaf, Entspannung und Meditation sowie Bewegung – wird in seinem Einfluss auf die menschliche Gesundheit auch molekularbiologisch nachvollziehbar. „So werden praktische Hinweise der Biologischen Medizin für betroffene Patientinnen und Patienten untermauert, die auch im Fall schwerer Krankheit durch Bewegung, Ernährung, psychische Stabilisierung und eine gezielte Immunregulation etwas für sich und ihre Gesundheit tun können“, fasst Dr. med. György Irmey, Ärztlicher Direktor der GfBK, die Forschungsergebnisses zusammen.

Um eine wirkungsvolle Krebstherapie evidenzbasiert zu konzipieren, ist eine Erforschung des gesunden Zellstoffwechsels sowie der Prozesse zur Wiederherstellung der natürlichen Balance aus der Krankheit heraus notwendig. Doch Studien, die sich mit der Wirkung von Ernährung, Sport und Bewegung auf Krebserkrankungen beschäftigen und positive Effekte belegen, finden nur langsam Eingang in Leitlinien und die Planung von Behandlungsregimen. Die GfBK fordert weiterhin eine angemessene Berücksichtigung dieser Faktoren in der Leitlinientherapie.

Quelle: Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr e.V. (GfBK)